Mittwoch, 16. September 2009

Kyela - Die erste Woche

Um 8 Uhr morgens haben wir gemeinsam mit Simon gefrühstückt und sind anschließend zusammen mit einem Kollegen, der ebenfalls auf diesem eingezäunten Gelände wohnt, auf Motorrädern ins Büro gefahren. Dieses wurde uns kurz gezeigt, bevor wir uns mit Simon darum gekümmert haben uns eine Wohnungseinrichtung anzuschaffen.

Das Büro von Tujijenge Microfinance Ltd (kurz TMF) befindet sich in einem sehr neuen Gebäude - lediglich das Erdgeschoß ist fertig gestellt und bewohnbar, das erste Stockwerk ist noch lange nicht einzugsfertig... Die Räumlichkeiten von TMF erstrecken sich über zwei Räume, die getrennt voneinander von außen zu begehen sind. Das größere Büro der beiden (ca. 4mx6m), in welchem der tägliche Geschäftsbetrieb abgehalten wird, ist durch ungefähr 1m85 hohe, nach oben offene Wände in wiederum 6 Bereiche unterteilt. Zwei kleine Boxen wurden als Kassenhäuschen eingerichtet, dahinter in der rechten Ecke des Raumes befindet sich eine leere Abstellkammer, der danebenliegende abgetrennte Bereich in der linken Ecke ist bis auf 2 Aktenschränke und 3 vollgestopfte Pappkisten bisher leer - hier soll unser 'Raum' entstehen, wird uns erklärt. Die übrigen beiden Bereiche sind zum einen der freie Eingangsbereich, in welchem sich 2 Sitzbänke befinden und die Öffnungen der Kassenhäuschen, sowie ein letzter abgetrennter Bereich, welches das Büro unseres Chefs darstellt.
Der zweite Büroraum ist ungefähr 3mx4m groß und nicht unterteilt. Hier arbeiten unsere 3 Kollegen.

Nach kurzer Wartezeit und Besichtigung der Geschäftsräume sind wir mit Simon in Richtung Stadt gegangen - ca. 5 min Fußweg.
Hier hat uns Simon zunächst das alte Büro gezeigt, in welchem sich noch ein Paar alte Möbelstücke, sowie die Telefon- und Internetverbindung von TMF befinden. Man wartet hier noch immer auf den Techniker von TTCL (das tansanische Telekomunikationsunternehmen), der die Leitung ins neue Büro verlegen soll... Allgemein ist der Begriff "Warten" hier sehr zentral - dazu später mehr. Als wir das neue Büro gezeigt bekommen haben, haben Anna und ich uns gefragt, wozu man denn ein so neues, schickes Büro benötigte, ob es nicht viel sinnvoller wäre zunächst die mangelnden Arbeitskräfte einzustellen und die Geschäftstätigkeit auszubauen, bevor man in ein solches Büro zieht. Nachdem wir jedoch das alte Büro gesehen haben, wurde uns schlagartig klar, dass der Schritt absolut nötig war. In einem früher sicherlich mal sehr schönen, heute allerdings vollkommen marodem Gebäude wäre das tägliche Arbeiten eher lebensgefährlich, als produktiv. Neben dem Büro wollte uns Simon auch einige gebrauchte Möbelstücke zeigen, leider hat er jedoch den Schlüssel für die Kammer vergessen, in welcher die Möbel stehen, so dass wir später wieder kommen mussten.

In einem der hier vollkommen üblichen Kioskartigen Geschäfte haben wir anschließend für einen Gesamtpreis von ca. 50,- Euro unsere Kücheneinrichtung gekauft:

2 Becher
4 Teller
eine 12er Packung großer Löffel
ein Messerset inkl. Schneidebrett
1 Zuckerdose
4 Teelöfel
6 Gläser
1 Kochtopf-Set (Kochtöpfe sind hier dünne Metallschüsseln, ohne Deckel und Henkel)
1 Wasserkocher
1 Thermoskanne
2 Kochlöffel
2 kleine Plastikeimer
1 größere Plastiktonne

Nach diesem ersten Einkauf sind wir zurück ins Büro gegangen, wo Anna und ich noch mal eine kurze Wartezeit hatten. Anschließend sind wir mit unserem Chef Mittagessen gegangen. Auf dem Weg zum Mittagessen haben wir bei einem Tischler unsere Betten ausgesucht und gekauft. Wir haben 2 sehr schöne komplett handgefertigte 4x6 feet große Holzbetten inkl. Mosquitonetz-Halterung und starrem Lattenrost, beides ebenfalls aus Holz, für je 65.000 Ths gekauft (ca. 37,- Euro). Nach dem Mittagessen sind wir wieder in Richtung Büro gegangen, wo wir auf dem Rückweg bei einem wiederum anderen Tischler den Preis für 1 Tisch und 4 Stühle angefragt haben. Unser Budget im Blick, schlug unser Chef vor, dass wir ein Paar alte aber gut erhaltene Möbelstücke aus dem alten Büro zum "Gebraucht-Preis" kaufen könnten. Wieder im alten Büro, diesmal mit Schlüssel, zeigte uns Simon einen sehr schönen alten Holz-Eßtisch, welchen er uns für 40.000 Ths überlassen hat, sowie einige alte, handgefertigte Kellerregale, welche er uns geschenkt hat. Diese Regale sollten uns von einem Techniker - Fundi auf Kisuaheli - umgebaut werden, so dass wir sie in unsere Zimmer stellen können. Leider haben wir am Mittwoch festgestellt, dass der 'Fundi' die Regal falsch umgebaut hat. Seither warten wir darauf, dass unser Chef den Fundi erreicht und ihn bittet, die Regale erneut umzubauen.

Diese oben kurz beschriebenen Einkaufsprozesse haben wir 3 Tage lang mit den, in meinen Augen, ineffizientesten Wegen vollzogen. Würde ich diese Einkäufe für mich selber erledigen, würde ich die Geschäfte in sinnvoller Reihenfolge aufsuchen und so möglichst wenige Wege doppelt gehen müssen. Hier jedoch erledigt man eine Aufgabe nach der anderen und geht, bevor man sich an die nächste Aufgabe macht, (in unserem Fall) ins Büro. Weshalb man das hier so macht, ist mir noch nicht ganz klar - ich habe jedoch ein Jahr Zeit, um diesem Mysterium auf den Grund zu gehen...

Als wir am Mittwoch morgen ins Büro kamen, fanden wir in dem für uns bereitgestellten Raum zwei kleine Schreibtische und zwei Stühle. Man gab uns nun Zeit, uns unser Büro einzurichten. Da wir uns ungerne wie in der Schule hintereinander setzen wollten, für alles andere aber nicht genügend Platz war, haben wir gefragt, ob die Kisten und Aktenschränke, die sich noch in dem Raum befanden, in die leere Abstellkammer gestellt werden könnten. Unser Chef überlegte kurz und empfand die Idee schnell für gut und wollte "demnächst" zwei Männer holen, die die Schränke in die 2m entfernte Abstellkammer stellen würden. Wir hatten Sorge, dass dies wieder mit einer längeren Wartezeit verbunden ist, so dass wir unserem Chef vorschlugen die Gegenstände selber umzusetzen, wenn man uns erlauben würde die Schränke kurz leer zu räumen und anschließend an neuer Stelle wieder einzuräumen. Leider scheiterte dieser Vorschlag an den fehlenden Schlüsseln (der für die Schlüssel zuständige Mitarbeiter war nicht im Büro), mit welchen man die Schränke erst hätte öffnen müssen, ausserdem schien unser Chef ohnehin nicht sehr überzeugt. Schließlich fing unser Chef an, die vollen Schränke auf dem frisch glänzend gefliesten Boden in Richtung Abstellkammer entlang zu ziehen. Anna und ich sahen schon tiefste Furchen in dem neuen Fliesenboden, so dass Anna Vorschlug eine Decke unter die Schränke zu legen, um diese so leichter und mit weniger Schäden über den Boden zu ziehen. Da weit und breit keine Decke zu finden war, nahmen wir kurzerhand etwas Papier und haben dieses unter den begeisterten Augen unseres Chefs unter die Schränke gelegt und diese nun schnell und schadenfrei in die Abstellkammer gebracht. Unserem Chef war die Begeisterung nicht nur anzusehen, sondern auch anzuhören....
Nach ca. 45min hatten wir unser Büro fertig eingerichtet und an unseren Schreibtischen Platz genommen. Nun hatten wir Zeit uns an unser neues Büro zu gewöhnen. Kurz gesagt: Wir haben 4 h gewartet, bevor es weiter ging... Da wir tatenlos rumsaßen und keinerlei Beschäftigungsmaterial in Form von Büchern o.ä. hatten, haben wir mit Papierschnipseln und einem imaginärem Mühlebrett Mühle gespielt, sowie aus dem Fenster geguckt. Schließlich durften wir in die Stadt gehen, um dort weitere kleinere Besorgungen zu erledigen, sowie zu Mittag zu essen. Wieder zurück im Büro ging die Wartzeit weiter...

Abends folgte die Erlösung: Wir konnten uns ENDLICH unser zukünftiges Wohnhaus angucken. (Näheres hierzu in dem nächsten Blogeintrag)

Am Freitag teilten wir unserem Chef mit, dass wir am nächsten Tag nach Mbeya - nächstgelegenste größere Stadt, Hauptstadt der Region - fahren müssten, da wir Geld abheben müssen. In Kyela gibt es eine Bank, dessen Geldautomat unsere EC- und Kreditkarten nicht akzeptiert. Unser sehr um uns besorgter Chef meinte es sei besser, wenn wir die erste Fahrt nach Mbeya nicht alleine machen würden, da wir uns in der Stadt noch gar nicht auskennen würden und verschwand. Kurze Zeit später kam er mit unserem Kollegen Chaz - wie ich 24 Jahre alt - zurück und sagte, dass Chaz uns begleiten würde, da er bis vor einer Woche selber in Mbeya gewohnt hat und sich daher sehr gut dort auskennt.
Samstag morgen um 7 stiegen wir also in das DalaDala, welches uns 4 Stunden später in Mbeya rausgelassen hat.
Dieses Mal haben wir uns also bei Tageslicht den Teil Tansania's angucken können, in welchem wir nun ein Jahr leben werden.
Die Fahrt führte uns durch wunderschöne Berglandschaften, die in manchen Bereichen von Teeplantagen dominiert sind. Nun also endgültig die Bestätigung: landschaftlich gesehen, läßt es sich hier schon mal sehr gut aushalten!
Abends, auf unserem Rückweg nach Hause dann die zweite Bestätigung dieser Art, die wir zuvor noch gar nicht wahr genommen hatten: Kyela ist fast komplett von Bergen umringt, so dass bei dem richtigen Licht und klarer Luft ein schönes Berg-Panorama vor unseren Augen liegt.

Als wir uns abends bei unserer Hausmutter (siehe bald folgenden Blogeintrag zum Wohnen in Kyela) zur Nacht verabschiedeten, fragte sie uns etwas auf Kisuaheli. Wir dachten, sie würde von uns wissen wollen, wann wir denn am nächsten Tag gedachten aufzustehen. Falsch gedacht. In der dann folgenden englischen Übersetzung wurde klar, sie wollte nicht wissen wann wir aufstehen, sondern wann wir in die Kirche gehen würden. 6.30 Uhr, 8.00 Uhr oder 10.00 Uhr. Gar nicht darauf gefasst, aber durchaus bewusst, dass sich uns keine wirkliche Wahl stellen würde, sagten wir, dass wir um 10.00 Uhr in die Kirche gehen würden.

So klingelte am Sonntag morgen also um halb neun der Wecker, damit Anna und ich noch vor unserem Kirchen-Besuch gut frühstücken könnten, da wir mit einem gut zwei Stunden dauernden Gottesdienst rechneten. In unserer Umgebung kennen wir zwei Kirchen. Wir sind also zur näher liegenden Kirche. Als wir dort ankamen, waren wir nicht wirklich sicher, ob wir denn richtig seien. Mit unserer deutschen Pünktlichkeit um zehn vor zehn vor der Kirche stehend waren wir die einzigen. Schnell wurden wir angesprochen, was wir denn hier wollen würden - zum Gottesdienst gehen, lautete unsere prompte Antwort. Man hieß uns willkommen und wir wurden in die vollkommen leere Kirche begleitet, wo man uns Plätze zuwies. Um zehn Uhr war die Kirche nach wie vor sehr leer. Insgesamt waren 6 Erwachsene und um die 15 Kinder da. Der Gottesdienst wurde selbstverständlich auf Kisuaheli gehalten. Da wir beide natürlich weder Gesangsbuch noch Bibel bei uns hatten und doch sehr auffällig in der Kirche waren, half uns ein Vater zweier Kinder mit seiner Bibel aus und zeigte uns im Laufe des Gottesdienstes immer wieder an welcher Stelle wir uns nun befanden. Nach dem Gottesdienst sind wir zu diesem Herrn gegangen, um uns für seine Hilfe zu bedanken. Prompt lud er uns dazu ein noch mit zu seiner Familie zu kommen, wenn wir denn Zeit hätten. Da es hier vollkommen üblich ist, von Fremden nach Hause eingeladen zu werden, willigten wir ein und befanden uns kurze Zeit später auf dem Weg zu seinem Haus. Nachdem wir uns langsam - seine Kinder sind noch sehr jung und entsprechend langsam zu Fuß - von der Kirche entfernten, hörten wir plötztlich wilde Rufe hinter uns. Der Mann deutete sehr schnell an, dass diese Rufe Anna und mir gelten würden, und wir zurück zur Kirche gehen müssten. Wieder vor der Kirche, standen wir in einem Kreis zusammen mit dem Herrn, der uns die Plätze in der Kirche zuwies, einer Frau, sowie unserem Gastgeber.
Zunächst unterhielten sich alle recht wild auf Kisuaheli, so dass wir plötztlich den Eindruck bekamen, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Wir fragten also nach. Nein, man versicherte uns, wir hätten nichts falsch gemacht. Wurden dann allerdings sehr schnell gefragt, welcher Glaubenszugehörigkeit wir denn seien. Beide katholisch lautete unsere schnelle Antwort. Wieder Gespräche auf Kisuaheli.
Nun folgte der Haken. Uns wurde gesagt, wir seien in einer 'Anglican Church' gewesen, die Gebete seien aber die gleichen. Man teilte uns mit, dass wir doch jederzeit willkommen wären unseren Glauben gemeinsam mit der Gemeinde in dieser Kirche zu teilen, müssten uns jedoch zunächst noch registrieren. REGISTRIEREN?! Das gefiel mir nicht recht, so dass ich schnell mit Anna eine Möglichkeit besprochen habe, uns höflich von dieser Möglichkeit zu distanzieren. Wir drückten also zunächst unsere Dankbarkeit dafür aus, dass man uns so herzlich in der Gemeinde aufnehmen wollen würde. Und erklärten ferner, dass wir es vorziehen würden, mit einer Registrierung zu warten bis wir sicherer mit Sprache und Kultur fühlen würden, da wir ja noch sehr neu in der Kultur und dem Ort wären und die Sprache noch nicht beherrschen würden. Glücklicherweise wurde unser Wunsch sofort akzeptiert und wir nach höflicher Verabschiedung in unseren Sonntag entlassen.

Kurze Zeit später befanden wir uns alleine in dem Wohnzimmer jenes Herren. Es stellte sich heraus, dass er selber nur für 2 Wochen zu einem Besuch bei seiner Schwester im Ort wäre. Der Herr - Emanuele - fragte uns, was wir denn für eine Soda trinken möchten. Um keine Umstände zu bereiten, sagten wir, dass wir nehmen würden, was er denn da hätte. Pepsi und Miranda Erdbeer schlug er vor. Wir stimmten zu und rechneten nicht mit dem dann folgenden:
Emanuele verschwand hinter einem Vorhang in Richtung Hinterausgang des Hauses und wie wir dann durchs Fenster zur Straße sehen konnten auch auf seinem Fahrrad in Richtung Stadt. Anna und ich guckten uns mit weit aufgerissenem Mund an: Er fährt jetzt extra los, um für uns eine Soda zu kaufen. 10 min später stand Emanuele mit einer Pepsi und einer Miranda sowie 2 Mandazi (die hier auch als Häppchen für Zwischendurch gegessen werden) durchgeschwitzt im Wohnzimmer. Ich habe es zunächst als sehr unangenehm empfunden, dass er extra für uns losgefahren ist, mir aber immer wieder vor Augen geführt, dass das in der hiesigen Kultur vollkommen üblich ist. Mein Gewissen wurde des weiteren etwas erleichtert, als uns Emanuele mitteilte, dass seine Schwester am Rand zum Ortskern einen kleinen Shop hat, in welchem sie Pepsi-Getränke sowie Mandazi u.ä. verkauft.
Nach einer Weile fragte uns Emanuele, ob er ein Photo von uns und seinen beiden Kindern machen könnte - ein Photo mit einem weißen scheint hier eine Art Trophäe zu sein. Wir willigten selbstverständlich ein und er verschwand kurz, um seine Kamera zu holen. Es folgten 10 sehr skurile Minuten.
Anna und ich haben uns nebeneinander gesetzt, damit er uns auf ein Photo bekommt, sowie die beiden Kinder auf den Schoß genommen. Als er zurück kam, hatte er nicht einen Photoapparat in der Hand, nein, es war eine Videokamera, die er sorgfälltig auf dem Tisch justiert hat und uns dann ca. 10 min lang gefilmt hat - sehr seltsam. Nachdem wir ca. zwei Stunden dort waren haben wir uns dann höflich von ihm verabschiedet.

Den restlichen Sonntag habe ich damit verbracht meine Eindrücke der vergangen Tage und Wochen niederzuschrieben und die Ruhe im Haus zu geniessen, da Mama Jimmy nicht da war, der Fernseher/Musikanlage also aus.

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