Montag, 5. Oktober 2009

Kyela - Die vierte Woche

Unsere vierte Woche hat sich nicht nur durch die Feiertage und unseren Kurzurlaub in Matema verkürzt. Von drei Bekannten (17,19 und 20 Jahre alt), die gerade ihren Schulabschluß des 10. Klasse-Equivalentes (genannt O-Level, nahezu identisch zu dem britischen GCSE System) absolvieren, wurden wir zu deren Schulabschlussfeier eingeladen. Neugierig darauf, wie eine solche Feier ablaufen würde haben wir zugesagt, damit rechnend, dass es eine Abendveranstaltung wird.
Zwei Tage vor der Feier haben sie uns jedoch mitgeteilt, dass es die morgens stattfindende Zertifikatsvergebungs-Zeremonie ist. Wir mussten also den enttäuschten
Jungs mitteilen, dass wir möglicherweise gar nicht teilnehmen können, weil wir zur Arbeit müssten, versprachen aber zugleich alles mögliche zu versuchen, doch kommen zu können. Als wir unserem Chef von der Einladung berichteten und ihn baten anstatt am Freitag am Samstag zur Arbeit kommen zu können, unterbrach er uns sogleich und teilte uns mit es sei auch eine Art von Arbeit - das tiefergehende Kennenlernen der Kultur - wir sollten gar nicht zur Arbeit kommen.

Am Freitag morgen dann die große Zeremonie. Nachdem wir mehrfach darum gebeten wurden unsere Kameras mitzunehmen, wurden wir um 10 Uhr morgens abgeholt. Nach ca. 30 min Fußweg erreichten wir unser Ziel: Das Hotel "Sativa". Wir wurden - wie immer, wenn eine kurze Wartezeit entsteht - auf eine Bank gesetzt, die vorher nahezu panisch mit einem Taschentuch vom Staub befreit wird, und warteten. Wir warteten lange. Die Zeremonie schien erst weitaus später zu beginnen. Als wir fragten, was man denn gerade machen würde, bekamen wir die geduldige Antwort: "Gerade werden die Stühle für die Zeremonie aufgestellt." Um 12 Uhr war es dann soweit, wir wurden endlich von unseren sehr bemühten und besorgten 'Gastgebern' in den Saal gebracht. Großes Erstaunen in Anna's und meinem Gesicht: Neben uns waren vielleicht noch 30 weitere Gäste zur Feier gekommen. Da im Moment der Sommer naht und es immer heißer wird (derzeit um die 32°C), der Raum recht stickig war und wir wussten, dass die Feier gut 3 Stunden dauern würde, hofften wir Sitzplätze bekommen zu können. Fehlanzeige. Die zur Verfügung stehenden Stühle waren alle besetzt. Unsere Gastgeber versuchten wir vergeblich in den Schülermassen ausfindig zu machen. Kurze Zeit später erschienen zwei von ihnen (Phlipp und Ambi) mit zwei Stühlen für uns, wünschten uns viel Spaß und baten erneut ungefähr fünf mal darum, dass wir Photos machen würden...

Ich muss gestehen etwas enttäuscht aus der Feier gekommen zu sein - aber was habe ich auch erwartet? Musik, Tanzen, Gesang - quasi eine bunte fröhliche Feier.
Bei einer Schulabschlusszeremonie? Vielleicht etwas weit hergeholt...
Weder die Musik, das Tanzen noch der Gesang blieben aus und doch fehlte irgendwie das Bunte. Auch die Sprachbarriere wirkte auf unsere Stimmung eher hemmend. Die nun doch zahlreich vorhandenen Gäste, die nach und nach eintrudelten und der Feier beiwohnten, fielen immer mehr in eigene Gespräche oder in einen schlafartigen Zustand. Die Veranstaltung war also nicht nur für unser eher mäßig interessant.

Nach vielen Photos und einigem nach links und rechts gezogen werden, brachten uns die Jungs zu ihrer Schule, wo wir zu Mittag gegessen haben. Es gibt bezüglich des Eßverhaltens etwas, an das ich mich noch sehr gewöhnen muss. Die Gäste werden hier beim Essen in Ruhe gelassen. Kaum, dass wir unser Essen hatten, verließen die beiden Jungs den Raum und warteten draußen in der Sonne auf uns. Was auf uns irgendwie unhöflich wirkt, ist hier eine absolute Selbstverständlichkeit und absolut höflich. Der Gast ißt in Ruhe und alleine. So saßen Anna und ich in einem der Klassenräume und haben unser Pilau mit den Händen gegessen - unsere erste volle Mahlzeit ganz ohne Besteck. Als wir fertig waren, brachte uns Ambi nach Hause. Philipp war noch weiter gezogen und hat Berichten nach bis um 12 Uhr Nachts getanzt und gefeiert. Wir waren froh, als wir der Sonne endlich entfliehen und uns ins schattige Haus setzen konnten. Des späteren nachmittags haben wir uns dann unsere Badminton Schläger und Anna's Volleyball geschnappt und sind vors Haus gegangen. Kaum standen wir mit unseren Gerätschaften draußen, tümmelten sich schon um die 10 Kinder um uns herum. Nach ca. 5 min des Badminton spielens waren aus den 10 Kindern gut 30 geworden. Kennt eines der Kindern Deinen Namen, kennen ihn alle. Entsprechend waren von überall her "Anna" und "Isabella" wahlweise auch "Izabera" Rufe zu vernehmen. Und jedem Kind musst Du einzeln Hallo - Mambo = Hi/Hallo auf Kisuaheli, flappsige Begrüßung unter jungen Menschen - sagen worauf es mit "Poa" antwortet und durch lautes lachen seine Freude bekundet. (Zu der Sprache und ihrer Aussprache demnächst noch ein getrennter Beitrag)

Nachdem wir nach kurzem Bemühen den Ball den Kindern überlassen haben und selber zu den Badminton-Schlägern griffen, haben wir fest gestellt, dass nicht die Kinder, sondern die Mütter mit dem Ball spielten. Als wir zu ihnen kamen, um den Ball zu holen, forderten sie uns auf mit zu machen. Wir ließen uns nicht zwei Mal bitten und machten sofort mit. 4 Frauen pro Team, der Ball quasi immer in der Luft, möglichst fern des gegnerischen Teams. Ein simples Spiel, welches beeindruckendes bewirken kann. Die sonst etwas langsam und träge wirkenden Frauen hetzten durch ihre Vorgärten, den Ball immer wieder zu einer Mitspielerin werfend. Sie spielten und rannten nahezu ohne Rücksicht auf Verluste. Als die ersten Mücken kamen, waren wir gezwungen aufzuhören und uns drinnen vor den Mücken zu schützen. Nachdem wir schließlich den Ball ergattert haben - es war kaum möglich ihn ohne weiteres zu bekommen - riefen die 6 Frauen uns ein fragendes 'Kesho?' zu. 'Kesho!' - Bis morgen!

Es tat uns so gut, uns endlich wieder etwas sportlich zu betätigen, und auch die Freude und den Spaß den nicht nur die Kinder daran hatten, hat uns dazu bewirkt nun jeden Tag draußen zu 'spielen'. Während des Nachmittages haben wir einen unserer Nachbarn begrüßt und uns kurz mit ihm unterhalten. Wie wir schon vorher wussten, studiert er in Karlsruhe Bauingenieurwesen. Er lud uns gleich zu sich ein, wir erklärten sehr erschöpft zu sein und baten, ob wir nicht einen Tag später, also am Samstag kommen könnten. Er stimmte zu und sagte sofort, dass wir dann gemeinsam kochen könnten. Samstag abend sind wir dann rüber zu ihm und wurden von - wir gehen davon aus - seinem Vater begrüßt und auf ein Sofa gegenüber des laufenden Fernsehers
gesetzt. Ally (gesprochen Ali) war noch nicht da. Der Bruder telefonierte kurz mit ihm, um mitzuteilen, dass die Gäste da wären. 5 min später war Ally dann da. Er sagte, dass wir uns nun mit seinem Bruder - der Begriff Bruder wird hier etwas weiter genutzt, als es bei uns üblich ist. Ein guter Freund, ein Verwandter, ein
Nachbar oder auch einfach jemand der aus der gleichen Stadt stammt wie man selber, ist ein Bruder bzw eine Schwester - dem Abgeordneten des Kyela Distrikt etwas trinken gehen würden.
Nach einem sehr interessanten Abend, sind wir recht spät gegen halb zwölf wieder zu Hause gewesen. Schon im Vorgarten wurden wir von Mzee Jimmy empfangen - man hätte sich sorgen um uns gemacht. Wir wunderten uns, so hatten wir doch vorher noch mitgeteilt was wir vor hätten und zu wem wir gehen würden.

Am nächsten morgen hat sich Anna, die Frühaufsteherin zwischen uns beiden, eine kurze Ansprache dies bezüglich angehört. Sie vereinbarte, dass wir die Nummern austauschen würden, so dass man uns in so einem Fall telefonisch erreichen könnte.

Nachdem Anna und ich gefrühstückt haben, sind wir ins Krankenhaus gefahren. Anna hatte am Abend zuvor einen Schnupfen bekommen, der sich über Nacht nicht sonderlich verbessert hat. Im Gegenteil. Ich fühlte mich um zwei Wochen zurück versetzt und habe sofort eine kleine Fahrradtour zum Krankenhaus vorgeschlagen. Dort angekommen, bestätigte sich unsere Vermutung: Anna hat Malaria. Pole sana!

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